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Linus (vorher Limo)

Nachdem ich meinen Hund einschläfern lassen musste, stand für mich ziemlich schnell fest, dass ich wieder einen vierbeinigen Begleiter brauche, der mit mir durch die Landschaft streift. Diesmal suchte ich bewusst nach einem schwarzen Hund, da mir bekannt war, dass schwarze, große Hunde oft die Verlierer im Vermittlungsduell der Tierheime sind. Erst in den nähergelegenen Tierheimen, dann erweiterte sich mein Suchkreis. Am Ende landete ich bei den Vermittlungsseiten aus dem Ausland. Nachdem ich bereits 3 Hunde hatte, fühlte ich mich der Sache gewachsen, einen fremden einjährigen Hund bei mir aufzunehmen. Außerdem kommt man sich ja doch wie ein Gutmensch vor, wenn man einem armen Hund aus Spanien ein zu Hause gibt. Mein Auserwählter wurde als Labradormischling, superlustig und quitschfidel beschrieben. Und natürlich wie immer: Alles toll, ganz lieb, super brav. Mit dem immer zu lesenden Zusatz, dass der Besuch einer Hundeschule ratsam ist.

Was soll man sagen… innerhalb der ersten 3 Wochen biss er 4 Menschen. Er schnappte ohne vorher zu drohen, er stand immer unter Strom. Völlig hyperaktiv und absolut unberechenbar. Er jagte Jogger, Inlineskater, Radfahrer. Er drehte total durch, beim Anblick von Pferden, Kühen und alles anderem was vier Beine hatte. In diesen Momenten hing eine rasende Bestie an der Leine. Beim spazieren gehen passierte es immer wieder, dass er, aus nicht erkennbaren Gründen, die entgegen kommende Person bedrohte. In meinem Büro konnte sich keiner mehr bewegen, ohne von ihm angefallen zu werden. Zu Hause Besuch bekommen: Eine Katastrophe.

Spielen mit ihm war brandgefährlich. Linus hat keine Beißhemmung und biss viel zu fest zu. Tauziehen ging kaum, er schnappte so lange nach, bis er endlich einen Finger erwischte. Im Garten oder beim spazieren gehen versuchte er, mich aus vollem Lauf um zu rennen. Nach zwei Wochen war das Ergebnis ein verstauchter Knöchel und mehrere blaue Flecken, sowie Blutergüssen an Arm und Händen, blutende Finger …und das nicht nur bei mir!

Ich verschlang alle Bücher die empfohlen wurden und sich mit der Psychologie des Hundes auseinander setzten. Las über Aggressionsverhalten, Hundeerziehung, über die Rassen die bei ihm mitmischten (nicht jeder Hund der schwarz ist, ist ein Labradormischling – auch wenn einem die Vermittlungsagenturen dies gerne erzählen, im Hinblick auf die allgemein bekannte Gutmütigkeit des Labradors) und sonst noch alles, was ich in die Finger bekam. Bin wochenlang nicht mehr ausgegangen, ich lebte nur noch für meinen Hund und seine Gedankenwelt.

Interessant fand ich, dass ich im Forum der Internetseite unserer „Vermittlungsagentur“ von der ich Linus habe, gelöscht wurde. Lediglich der erste Bericht, dass wir heil angekommen sind, dass alles gut ist, er stubenrein ist, dieser Bericht blieb auf der Seite. Die folgenden Berichte, dass er beißt, er alles jagt was sich bewegt, er sich als hochaggressiver Hund entpuppt, wurden gelöscht und mir in einem mail mitgeteilt, dass dies nur zu meinem Schutz vor unangebrachten Ratschlägen vorgenommen wurde. Zudem wurde mein Account gelöscht, so dass ich auch keinen Zugang mehr zu dem Forum habe. So ist das also: Bitte nur die schönen Berichte, am Ende könnte jemand abspringen oder nachdenken, dass die Katze im Sack eventuell auch ein unberechenbares Höllentier ist.

Was soll ich sagen. Nun ist er eine Weile bei mir und meine Familie meint ich sollte als Hundeflüsterer arbeiten. Jedoch bin ich der Überzeugung, dass mir die ganze Literatur weiter geholfen hat. Dass ich nicht mehr zur Hundeschule gegangen bin, obwohl dort - noch vor mir - erkannt wurde, dass ich einen Problemhund „am Hals“ habe. Die Lösungen der Hundeschule für Linus Probleme konnte ich nicht nachvollziehen. Mir war bewusst, wenn ich jetzt einen falschen Weg einschlage und der Hund sich weiter so entwickelt, er eingeschläfert gehört. Ein unberechenbarer Hund ist einfach zu gefährlich. Für alle.

Ich hatte das Glück genau seine Linie zu finden. Zufall, Intuition – keine Ahnung.

Ist es mein ewig andauernder Satz: „……das muss ich auch noch mit ihm üben.“?

Oft hätte ich heulen können. Oft habe ich verzweifelt in die Zukunft gesehen und mich als verrückte Alte mit einem noch verrückteren Hund gesehen, die keinen Besuch bekommt, weil sich jeder vor dem Hund fürchtet.

Es ist besser geworden. Wir leben nun ein fast normales Mensch-Hundleben. Im Büro ist er oft angeleint in seinem Korb, was ihm Sicherheit gibt und er halbwegs entspannt bleibt, auch wenn reger Menschenverkehr herrscht. Beim wandern und auf schmalen Wegen kann ich ihn nicht ableinen, weil seine spontane Abneigung gegen Menschen kein Muster zeigt. Er wird nie ein Hund sein, der gerne von Fremden gestreichelt wird – nein, das hasst er und meine Aufgabe ist es, die Menschen vorher aus zu bremsen. Und erst jetzt merke ich, wie viele Menschen einen ignorieren, mit dem Satz „ich hatte auch schon mal einen Hund“. Meine Antwort darauf ist „nicht so einen und übrigens: Er beißt“. Ich kann Besuch bekommen, jedoch muss mein Besuch wichtige Regeln beachten. Nicht anschauen, nicht beachten, kein Körperkontakt zu ihm. Besuch dem ich die Einhaltung der Regeln nicht zutraue, wird ohne Hund empfangen. Dann verbringt Linus den Abend bei meiner Mutter und bei spontanem Besuch angeleint im Korb. Er kann mittlerweile fast normal an Pferden und Kühen vorbei gehen. Er jagt keine Radfahrern, Skater und Jogger mehr. Nur noch Raben und Amseln – damit kann ich leben. Seine Beisshemmung ist besser geworden. Mittlerweile können wir mit ihm spielen, ohne Beschädigung. Nur muss immer der richtige Moment des Spielabbrechens gefunden werden. Wenn er zu übermütig wird, dann hat er sich nicht im Griff. Linus wäre eine Katastrophe für eine Familie, Kinder kann er nicht leiden. Zu laut, zu hektisch, zu unkontrolliert. Wie gut, dass mein Sohn erwachsen ist, sonst hätte Linus nicht bleiben können.

Würde ich nochmal aus dem Ausland einen mir völlig fremden Hund holen? Nein.

1. Das Risiko einen psychisch oder physisch kranken Hund zu bekommen ist relativ hoch. (wir waren innerhalb der ersten Wochen viermal beim Tierarzt – dort kann er auch nur behandelt werden mit Maulkorb)

2. Mann muss nicht jede Mode mitmachen und Hunde in Tierheimen vor Ort gibt es genug. Dort erhält man eine bessere Wesensbeschreibung, hat die Möglichkeit den Hund zu besuchen. Man kann ihn in Ruhe kennen lernen und hat bei einem missglückten Zusammenleben die Möglichkeit, das Tier wieder in diesem Tierheim ab zu geben.

Außerdem gibt es mittlerweile viele Tierheime, die mit ihren Hunden an einer Grundausbildung trainieren.

3. Bei Problemen steht man völlig allein da. Nach den Berichten über seine Aggressionen, wurde mir in einem Zweizeiler lapidar ein Hundetherapeut empfohlen.

Im Gegensatz zu dem örtlichen Tierheim, aus dem ich vor 14 Jahren die Vorgängerin von Linus holte. Diese wurde trächtig vom Halter beim Tierheim abgegeben. Dort ahnte keiner etwas, da der Hund erst 10 Monate alt war und sehr dürr. Ahnungslos nahm ich sie zu mir. Nachdem mir der Tierarzt die „frohe Botschaft“ verkündete, bot sich das Tierheim sofort an, den Hund während der Welpenaufzucht wieder auf zu nehmen. Dies lehnte ich ab (was soll der Hund denn von mir denken, erst holen, dann wieder zurück und dann wieder holen???). Zur Geburt der Welpen brachte mir dann das Tierheim etliche Säcke Aufzuchtsfutter und stand mit Rat und Tat zur Seite.

4. Ich bezweifel den Nutzen des Auslandsvermittlung. Viele Agenturen kassieren das Geld und fertig. Andere finanzieren wenigstens damit Kastrationsprojekte und andere Hilfsaktionen.

5. Auch wenn ich sehr abgebrüht klinge, aber ich glaube, ein Hund hätte es besser, eingeschläfert zu werden, als 6 Jahre und länger hinter Gitter zu sitzen, auf ein paar verdreckten Quadratmeter, ohne ausreichend Futter, von größeren Artgenossen ständig gebissen.

Als ich meine Hündin hab einschläfern lassen, wurde mir das bewusst. Sie legte ihren Kopf in meinen Arm, ist eingeschlafen, war befreit von allen Schmerzen, nur ich blieb zurück, als heulender Mensch.

Abschließend will ich sagen, dass ich Linus nicht eine Sekunde hergegeben hätte. Vielleicht liegt es daran, dass ich so erzogen worden bin, dass jedes Tier das zu uns kommt, bleibt, bis an sein Lebensende. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Gefühl hatte, er braucht mich, weil ich seine Chance bin. Ich bin völlig vernarrt in ihn und glaube manchmal, er ist mein Seelenhund. Auch wenn unser Zusammenleben so ganz anders ist als, ich es mir mit einem gemütlichen "Labradormischling" vorgestellt habe. Aber es gab oft Momente, da habe ich die Entscheidung für einen völlig fremden Hund bereut. Was für ein Himmelfahrtskommando. Man soll sich vor Augen halten: Ich hole mir ein kniehohes Raubtier mit messerscharfen Zähnen ins Haus, von dem ich nicht weiß, was er in seinem Leben schon erlebt hat. Von dem eine Beschreibung existiert, die irgendjemand erstellt hat, der ihn bestenfalls aus der Menge der anderen 200 Hunde mit Namen heraus kennt.

Daniele Zich

E-Mail: bavariadz@hotmail.com

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